

Die Nörgelei, die ich mir heute vorgenommen habe, betrifft die Euphorie und den Tatendrang, die angesichts (halb-)fertiger Blogsoftware, Content Management-Systeme und Homepage-Baukasten um sich greift. In der Folge wird im Web herumgefuhrwerkt, unabhängig nicht nur vom Alter, Geschlecht und jeglicher Gruppenzugehörigkeit, sondern auch unabhängig von den Fertigkeiten, die dazu eigentlich notwendig wären.
Angefangen hat das Zeitalter dieser neuen Freiheit lange vor der Web 2.0-Ära, mit bunten Zeugnissen egozentrischen Präsentationsdrangs, auch „private Homepages“ genannt. Die öffentliche Demonstration fehlenden Könnens und Geschmacks nahm und nimmt man dabei in Kauf, weil man doch ahnt oder weiß: Was einem da geboten wird, ist in Eigenregie entstanden. Und das Baby ist doch zuckersüß auf dem Foto, ganz zu schweigen von den tollen Rezepten ...
Wenn es nur dabei geblieben wäre, wüssten wir: das ist wie Heimwerken. Gerät die Tapetenbahn an der Wand schief und wirft sie Blasen, so ist man Täter und Betroffener zugleich, das Malheur geht niemanden sonst an. Will man etwas Besseres, dann gibt es dafür Profis. Dank Web 2.0 ist es aber leider nicht dabei geblieben.
Nach Gutdünken zusammengewürfelte Layouts, Formen und Farben, floskel- und fehlerbehaftete Sprache sind inzwischen allgegenwärtig auch auf kommerziellen Webseiten. Baukastensysteme, CMS und Blogsoftware suggerieren, dass das Zusammenwürfeln einer Webseite, und auch deren Betexten, Dinge sind, die jeder zu Stande bringt, nach der Devise: die Axt im Haus ersetzt den Zimmermann. Fachwissen und Expertise scheinen überflüssig, jeglichem Nichtkönnen wird durch Krücken Vorschub geleistet. Die „Täter“ verlieren daruch das Gefühl, dass sie doch nur basteln und ihren Lesern Minderwertiges anbieten.
Denn das Ergebnis und dessen öffentliche Wirkung im Web sind keine reine Geschmacksfrage. Geschmack ist nichts Angeborenes. Guten Geschmack und ein halbwegs funktionierendes Sprachgefühl kann man Kindern wie Erwachsenen anerziehen und angewöhnen, wenn sie häufig genug damit konfrontiert werden. Aber die entsprechenden Sensoren können, bei entsprechend intensiver Berieselung, auch korrumpiert und letztendlich ruiniert werden.
Die Tragweite des Phänomens geht weit über die zweifelhafte Effektivität der Marke Eigenbau hinaus. Letztlich geht es ins Gesellschaftliche, oder gar ins Gesellschaftsphilosophische. Denn wenn jeder wie er mag tun kann, dann ist das Ergebnis nicht nur Anarchie und Kakophonie, sondern unweigerlich auch Qualitätsverlust. In den reichlich drastischen Worten eines Publizisten: „Wenn die New York Times denselben Zugang zur Öffentlichkeit hat wie eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe, wird sich die Öffentlichkeit auf Dauer nicht auf dem Niveau der New York Times einpegeln, sondern auf dem der Kannibalen-Selbsthilfegruppe.“
Quelle des Zitats: http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Internet;art141,1990117
Von Anna Fuhrmann am 26. Juni 2009, 16:09 Uhr veröffentlicht | 392 mal gelesen
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