Tote Leichen sind am optimalsten

„Design mit hohem Wiedererkennungswert“ - so oder so ähnlich lautete die Phrase, in der ich das Attribut „hoch“ streichen wollte, während mein Gegenüber es heftig in Schutz nahm.

Sein Argument:
Gefällt mir so nicht. Ich kenne das nur so, mit „hoch“. Wenn der Wiedererkennungswert nicht hoch ist, wie soll er denn überhaupt sein? Da fehlt was.

Es schmeckte ihm also nicht, der nackte und schmucklose Wiedererkennungswert. Obwohl die positive Aussage, das Vorhandensein eines Widererkennungswertes, im Wort selbst implizit drin ist.

Wieso ich das einfach so behaupten kann? Beschnuppern wir mal ein wenig das Wort, genauer: sein Umfeld.

Was sagt man denn, wenn dem Design, dem Logo, oder einer Webseite an Wiedererkennungswert mangelt? Ja eben: sie oder es hat - keinen Wiedererkennungswert. Denn um einen niedrigen Wiedererkennungswert festzustellen, dazu bräuchte es eine Statistik, in der der Wiedererkennungswert als eine messbare, und darum in Graden darstellbare Größe erfasst wird. Ob der Wert niedrig oder hoch ist, käme auf die Anzahl der Versuchskaninchen an, die beim Wiedererkennen mehr oder weniger erfolgreich sein können. Ich vermute allerdings, dass eine solche Abstufung nicht einmal statistisch möglich ist. Denn entweder erkennt man etwas wieder, oder nicht. Tertium non datur - eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Einen Wiedererkennungswert haben - die positive Behauptung steht uns mitten in der Wortbedeutung zur Verfügung, und das müsste für das natürliche Sprachempfinden auch reichen.

Und darum ist ein „hoher Wiedererkennungswert“ ein Unding, oder vornehmer ausgedrückt: einer der Pleonasmen, die die Alltagssprache überflüssigerweise würzen - genauer gesagt versalzen. Wie Kinder im Sandkasten, wenn sie sich übertrumpfen wollen, so bestücken wir unsere Sätze mit überflüssigen schmückenden Attributen, die nur das aussagen, was schon im Wort drin ist. Bedeutungsstarke, aussagekräftige Wörter werden so zu farblosen, faden und schwachen Gesellen, bei denen einem etwas fehlt, wenn nicht mindestens ein Superlativ oder ein positiv-aufwertendes Adjektiv drangehängt wird.

Von Anna Fuhrmann am 29. Mai 2009, 22:23 Uhr veröffentlicht | 396 mal gelesen
Zuletzt bearbeitet am 29. Mai 2009, 23:53 Uhr
Thema: Text

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