

So ab und zu packt es mich ja doch und ich durchstöbere webcreme.com. Was haben die anderen Designer Neues zu bieten? Welche Trends zeichnen sich ab? Ich tue dies eher seltener, vielleicht zwei, drei Mal im Jahr. Doch so spannend es jedes Mal beginnt, so enttäuschend endet es jedes Mal.
Meistens entdecke ich schon unter den ersten zwanzig Seiten ein oder zwei Seiten, die meinen vollen Respekt verdienen. Zumindest in Bezug auf ihre grafische Gestaltung. Doch dann klicke ich auf Seite 2 und spätestens auf Seite 3 stelle ich fest, dass die soeben bewunderten und als neu und anders eingestuften Seiten nichts weiter als bloße Designkopien anderer Webseiten sind. Natürlich kann nicht jeder das Rad neu erfinden, doch wenn jemand meint, einem Trend folgen zu müssen, springt er unweigerlich auch auf einen zumeist schon vielbesetzten Zug auf.
Was wohl jedem noch in Erinnerung blieb, war der Glass-Button-Trend, der durch Apple's MacOS ausgelöst wurde. Die erste Seite war noch cool, doch irgendwann sah man auf jeder neuen Seite nur noch semitransparente Buttons und wurde ihrer langsam überdrüssig. Augenblicklich sind es pergamentartige Hintergründe und scherenschnittartige Motive.
Das künstlerische Erscheinungsbild solcher Seiten möchte ich gar nicht in Frage stellen. Viele sehen bewundernswert gut aus und bei so mancher Grafik habe ich mich schon gefragt, warum der verfluchte Kerl so gut frei Hand zeichnen kann (oder hat er die Grafiken doch nur geklaut?). Was diesen Seiten allerdings fehlt, ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Und was ist ein Corporate- oder ein Web-Design wert, wenn es zwar gut, aber wie beliebig viele andere aussieht?
Auch inhaltlich stelle ich immer wieder diese übertriebene Neigung zu „Trends“ fest: Vor einigen Monaten bin ich auf eine Seite gestoßen deren Begrüßung in etwa so lautete:
Das klang erst einmal cool: Kurz und bündig mit einer persönlichen Note auf den Punkt gebracht. Zudem füllte die Begrüßung dank der monströsen Schriftgröße den halben Bildschirm aus, so dass man sie gar nicht übersehen konnte. Na gut, wirkliche Hard Facts bringt dieser Inhalt nicht rüber, doch dem letzten Begriffsstzutzigen ist klar, dass er auf der Seite eines Webdesigners gelandet ist, der seinem Beruf mit Leidenschaft nachgeht.
Nach einer Woche kannte ich jedoch bereits fünf solcher Seiten, deren Inhalte sich bis auf den Namen kaum unterschieden. In den Folgemonaten kamen findige Designer drauf, diesen Satz auf Ihre Spezialgebiete noch geringfügig abzuändern. Dies änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass ich meine ursprüngliche Meinung, diese Seite unter Hunderten wiedererkennen zu können, gründlich revidieren musste.
Eigentlich ist Tom ein armes Schwein: Da hat er eine gute Idee für ein Alleinstellungsmerkmal und hunderte Unkreativer klauen ihm seine Idee. Oder glauben Sie, dass alle anderen nur wenige Wochen später auf die gleiche zündende Idee gekommen sind? Ich nicht.
Was allerdings fast noch bedauerlicher ist, ist die Tatsache, dass diese Trendfolger, wie ich sie mal freundlicherweise nennen will, sich selbst die Chance auf eine eigene Identität nehmen, solange sie sich mit fremden Federn schmücken. Wer ein Design für kopierwürdig hält, sollte sich im Klaren darüber sein, dass in nullkommanix auch unzählige andere auf den gleichen Gedanken kommen. Das hat zur Folge, dass die Halbwertzeit des Alleinstellungsmerkmals beängstigend in die Höhe schnellt und aus der Einzigartigkeit über Nacht eine Beliebigkeit macht.
Natürlich verschließt kein Designer die Augen vor guten Werken Dritter und auch ich lasse mich gerne manchmal inspirieren. Doch wenn ich bei webcreme.com immer nur drei oder vier vorherrschende Stilrichtungen sehe, frage ich mich ernsthaft, wie diese Designer ihren Kunden gerecht werden können, wenn sie sich noch nicht einmal eine eigene und unverkennbare Identität schaffen können.
Von Tilman Pietzsch am 03. Januar 2010, 00:20 Uhr veröffentlicht | 347 mal gelesen
Zuletzt bearbeitet am 03. Januar 2010, 03:01 Uhr
Themen: Design | Werbung
Geschrieben von Anna am 11. Februar 2010, 18:49 Uhr:
