Manipulieren mit Sprache: das Passiv

Sprachen leisten sich eine Passivkonstruktion, weil sie es ermöglicht, bei einer Handlung den Täter, den Macher, die Vollzugsperson nicht nennen zu müssen. Man „verschweigt“ die handelnde Person - entweder weil sie unbekannt oder unwichtig ist, oder auch, weil man sie nicht nennen will.

Eine raffinierte Sache, so eine Passivform. Da sie so sparsam ist, wird sie gerne in Schlagzeilen verwendet, wie zum Beispiel in einer solchen:

Neue Kfz-Steuer wurde beschlossen


Wer ist denn der Übeltäter, der da so etwas beschließt? Die Verantwortlichen kennt jeder, wozu also viele Worte machen, die Schuldigen können auch ohne verbalen Fingerzeig zweifelsfrei identifiziert werden. Manches Mal will man gar nichts verschweigen, nur weiß man einfach nicht, wer der Handelnde ist, wie etwa hier:

Mann wurde im Wald stranguliert



Das Passiv kann aber auch missbraucht werden und das wird es auch oft, zur Verschleierung - oder weil man sich nicht entscheiden mag, wer nun was tut oder nicht tut. Wenn etwa mangelnde Integration angeprangert werden soll, liest man oft:

Ausländer werden mangelhaft integriert.


Nicht genug mit der Verdunkelung des Täters durch die Passivkonstruktion, es geht auch mehr. Man kann sich auch vollends von der Idee von aktiven, handelnden Personen distanzieren, indem man in die totale Verblosigkeit flüchtet:

Integration von Ausländern ist mangelhaft.


An wem genau das beklagenswerte Ergebnis, nämlich der Zustand des Nichtintegriertseins liegt, das wird den Interpretationskünsten des Lesers überlassen.

Bekennt man sich zum aktiven Tun, und lässt die Passivform links liegen, muss man den Handelnden klar benennen. Aber auch bei der aktiven Formulierung gibt es noch kleine Schlupflöcher - auch bei ein- und demselben Verb. Denn die Auswahl zwischen dem reflexiven Verb „sich integrieren“ und der transitiven Form „(jemanden) integrieren“ hat es in sich. Welten liegen dazwischen, politische und ideologische Welten, ob man

Deutschland integriert seine Ausländer unzureichend

oder

Ausländer integrieren sich in Deutschland unzureichend


schreibt. Hier wird gar nichts verschleiert und unerwähnt gelassen, man muss Ross und Reiter nennen. Die Rollenverteilung jedoch, wer Ross und wer Reiter sein sollte, da kann der Verfasser wählen, je nach dem, welche Ansicht er sprachlich prägen will.

Auf kommerziellen Webseiten sollte das Passiv gemieden werden, um dem Leser, der ja im Idealfall Kunde werden sollte, Identifikationsmöglichkeiten anzubieten, die das unpersönliche Passiv erschwert.

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt – sagte der Sprachphilosoph Wittgenstein. Und die Grenzen der Welt, die Grenzen des Tatsächlichen und Faktischen, kann man mit Sprache ganz geschickt ein wenig hin- und herschieben.

Von Anna Fuhrmann am 12. August 2009, 12:06 Uhr veröffentlicht | 321 mal gelesen
Thema: Text

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