

Nach seiner Wiederkehr durchsuchte John Franklin ganz Portsmouth nach Mary Rose, in die er sich vor dem Krieg verliebt hatte. Er fand sie nicht, sie war wie vom Erdboden verschluckt. Franklin hatte Liebeskummer, er war unglücklich und unendlich traurig. Das erfahren wir vom Autor des Buches „Die Entdeckung der Langsamkeit“ wie folgt:
Diese Zeilen sind keine platte deskriptive Mitteilung. Sie sind ein wenig wie der unfokussierte Blick, der nicht auf Details konzentiert, sondern alles auf einmal in sich aufnimmt, und im Glücksfall ein genaueres Bild vermittelt als die aneinandergereihte Summe aller Details. Man schaut nirgendwohin und dabei gelingt es, alles zu sehen.
Nadolny malt dieses Bild mit Sprache. Das geht nur, wenn man nicht darauf bedacht ist, mit Worten und mit der Zeit des Lesers zu geizen. Und ich kann nicht umhin, bei einer Lektüre, die mich gefangen nimmt, immer wieder zu bedauern, dass die gepflegte langsame Art und Weise des Umgangs mit Sprache ausstirbt.
Geschwindigkeit und Kürze sind Trumpf, seitdem wir online sind. Man wirft den anderen verbale Bruchstücke zu und erwartet von ihnen auch nicht mehr als das. Eine wirklich stichhaltige Erklärung dafür, dass das Online-Lesen ungeduldiger ist und keine langen Textsequenzen verdauen kann, kenne ich nicht, ich weiß nur: es stimmt.
Die Reichhaltigkeit der Sprache leidet darunter, wie könnte es auch anders sein. Ich will ja nicht immer laut darüber jammern, vielleicht gibt es einen Ersatz dafür irgendwann. Ist eine andere Kommunikationsform denkbar, kann sich das Gehirn in eine Richtung entwickeln, die die sprachliche Entfaltung der inneren Landschaften überflüssig macht? Ist das Primat der Sprache zu Ende?
Ich werde trotzdem nicht twittern und mich dem Diktat der 140 Zeichen beugen.
Von Anna Fuhrmann am 19. Juli 2010, 12:30 Uhr veröffentlicht | 72 mal gelesen
Themen: Gekleckse | Text
