Armes kleines Mädchen



Da wollte ich mir gestern Mittag eigentlich nur schnell einen klebrigen, pappigen Burger holen und während ich dort an der Kasse auf mein Essen warte, sehe ich auf einem Bildschirm Vanessa Neigert einen Schlager trällern.

Wer erinnert sich nicht an die niedliche Kleine aus der letzten DSDS-Staffel, die im Gegensatz zu allen anderen Kandidaten verstaubte Songs aus der Mottenkiste ausgrub und ihnen mit ihrem jugendlichen Charme frisches Leben einhauchte? Kaum wieder zu Hause, habe ich aus rein beruflicher Neugier ihre Webseite besucht. Was ich dort sah, wollte ich kaum glauben.



Auf den ersten Blick sieht die Seite unter http://www.vanessaneigert.de ganz nett aus: Zielgruppengerechte Farbwahl, relativ brauchbare Inhalte und eine gute Übersichtlichkeit. Doch das war es leider auch schon.

Bereits die Portalseite ist ein absolutes KO-Kriterium. Nicht nur, dass solche Seiten absolut uninformativ und überflüssig sind (was erfährt der Besucher darauf, außer dass er auf der falschen Seite ist und einen Klick weiter auf der richtigen Seite landet?), sie sind auch die erste große Hürde für Suchmaschinen. Die stehen nämlich nur und ausschließlich auf Textfutter. Alles andere ist für sie unverdaulich.

Bei dieser Portalseite hat man sich überdies noch besondere Mühe gegeben, damit sie auch ja nicht von Suchmaschinen oder Sehbehinderten Menschen gelesen werden kann: Der gesamte Inhalt ist ein einziges Flash. Und das, obwohl nicht die geringste Animation auf der Seite zu finden ist. Kein einziges Wort, worum es auf der Seite geht. Geschweige denn, ein ganzer Satz. Für Suchmaschinen und Sehbehinderte ist hier der Seitenbesuch schon zu Ende, denn wie sollten sie wissen, wo es weiter geht? Sie würden nicht einmal einen weiterführenden Link finden.

Dafür hat man sich bei den Meta-Tags umso mehr ausgetobt. Ein Blick in den Quellcode zeigt:

  • Statt sorgfältig recherchierter Schlüsselbegriffe stehen in den Keywords neben Doubletten (Superstar und Superstars) ganze Sätze mit Komma getrennt
  • Meta Description, DC.Description und Title sind inhaltlich identisch („Vanessa Neigert - Die offizielle Webseite“ - wie originell).
  • <meta name=„revisit-after“ content=„after 2 days“> zeugt eher von Unwissenheit, da sich kein Robot sagen lässt, wann er eine Seite wieder zu besuchen hat
  • <meta name=„robots“ content=„index,follow“> ist ebenso überflüssig: Wieso sollte man einem Robot per Meta-Tag etwas anordnen, was seiner Natur entspricht: Nämlich Links zu folgen und Seiten zu indexieren?
  • <meta name=„audience“ content=„alle“>: Auf was für Ideen die Leute so kommen. Ja für wen soll die Seite denn sonst sein?
  • <meta name=„language“ content=„German, de, deutsch“>: Ja wenn's denn sooo wichtig ist, hätte de auch gereicht
  • Der Eintrag „SONY MUSIC Entertainment Germany“ findet sich gleich drei Mal: Unter copyright, als publisher und author. Wenn sie wirklich Autor dieser Webseite waren, wundert mich gar nichts. Ich dachte, die Jungs produzieren Platten und keine Webseiten?!?

Nachdem ich als glücklicher Besitzer zweier voll funktionsfähiger Augen und eines Browsers mit Flash-Plugin zu den Auserwählten gehöre, durfte ich weiter klicken. Hurra! Da steht tatsächlich Text! News & Termine, fein säuberlich in zwei Spalten. Klicke ich eine Seite weiter zur Biografie, stehen rechts immer noch Termine, doch über der Biografie steht News. Eine Seite weiter unter Multimedia gibt es dann auch keine Termine mehr. Doch News und Termine bleiben ungeachtet dieser Tatsache oben stehen. Aha...

Bei der Navigation hat man sich übrigens auch wieder besondere Mühe gegeben, dass sie gut aussieht, auch wenn dies bedeutet, dass weder Sehbehinderte noch Suchmaschinen sie sehen können: Alles fein säuberlich in ein Flash gepackt.

Dass man manchmal Schmuckschriften einsetzen will und einfache Text-Links dafür nicht ausreichen, ist ja in Ordnung. Dafür gibt es Bild-Links, die man mit Alt-Tags versehen kann, um eine Sprachausgabe zu erreichen. Auch über den Title-Tag des Links lassen sich so Textinformationen transportieren, ohne das Design zu behindern. Warum man jedoch statische Grafiken als Flash realisieren muss, bleibt mir ein Rätsel.

Die Seite Multimedia bleibt übrigens für flashlose Browser ebenfalls völlig leer. Auf der weißen Seite steht lediglich ganz unten „Mehr Videos für Deine Seite auf Musicbox.de“. Sehr informativ...

Noch einmal muss ich um Fassung ringen, als ich mir den Quelltext der Inhaltsseiten anschaue: TABELLENLAYOUT!!! In welchem Jahrzehnt leben wir eigentlich? Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, stehen die wenigen Styles nicht in einer .css-Datei, sondern im Header. Man bedenke: Diese Seite ist nicht 1995 erstellt worden, sondern 2009.

Nachdem mir der ziemlich träge Seitenaufbau aufgefallen ist, war ich doch neugierig, bei wem diese Seiten gehostet werden. Ein kurzer Besuch bei Denic und - mich wundert mittlerweile gar nichts mehr - da steht Strato. Eine weitere Angabe bei der Denic verriet, dass nicht Vanessa die Eigentümerin der Domäne vanessaneigert.de ist, sondern ein Rechtsanwalt. Das wird durch Vanessas Minderjährigkeit begründet sein, doch ich hoffe mal stark für sie, dass da wenigstens irgend ein sauberer Vertrag zugrunde liegt.

Diese Webseite ist ein echtes Beispiel dafür, wie man seinen Kunden ganz bestimmt nicht hilft. Oberflächlich betrachtet ganz hübsch, doch alles, was der Kunde nicht sieht oder nicht weiß, wird schlichtweg ignoriert. Schlimmer noch: Diese Seite wird nicht nur viele Besucher ausklammern, sondern auch niemals eine Chance haben, irgendwie vernünftig in einer Suchmaschine gelistet zu stehen.

Jede noch so einfache Fansite wird sich schon alleine aufgrund von Textinhalten und normaler Links besser platzieren. Wer sich per site:www.vanessaneigert.de die indexierten Seiten bei Google ausgeben lässt, wird auch als Laie sofort erkennen, dass die Suchmaschine an dieser Seite schlichtweg gescheitert ist. Und eine Seite, die nicht in den Suchmaschinen gelistet ist, ist ungefähr so wirkungsvoll, wie ein Firmen-Telefonanschluss mit Geheimnummer.

Schade, schade, schade. Arme Vanessa, Du kannst es ja nicht besser wissen. Aber eigentlich solltest Du ein Management haben, das mit vertrauensvollen Werbepartnern zusammen arbeitet. Schließlich sollte wirkungsvolle Werbung ja in Euer aller Interesse sein.

Von Tilman Pietzsch am 30. Januar 2010, 18:14 Uhr veröffentlicht | 344 mal gelesen
Zuletzt bearbeitet am 31. Januar 2010, 02:51 Uhr
Thema: Werbung

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Kommentare

Geschrieben von Nico am 26. Juli 2010, 11:31 Uhr:


Ja, so ist das leider mit der Musikindustrie. Erstens veröffentlichen sie zum größten Teil kommerziellen Schrott, und zweitens sind es leider gewinnorientierte Unternehmen.
Die Rechung von Sony ist doch ganz einfach: Vanessa´s Karriere wird max. 2 Jahre dauern, wenn nicht sogar viel kürzer, vielleicht verkauft sie 500.000 Platten, mehr nicht. Das wissen die Manager ganz genau, daher wird auf Billig-Baukasten-Websites gesetzt, die fast nichts kosten. Daher bietet die Seite auch 0 Informationsgehalt, kostet halt alles Geld. Die gleichen Seiten findest Du in anderer Farbe bei anderen, sogenannten Künstlern..

Es gibt heutzutage nur noch sehr wenig, gute Musik. Für mich persönlich endete die Zeit der guten Musik Ende der Neunziger Jahre mit dem Ableben von Kurt Cobain und anderen guten Bands wie Alice in Chains, Guns n´ Roses in Originalbestetzung und des Stone Temple Pilots. Seitdem nur noch Kommerz. Es gibt wenige Künstler, wie zum Beispiel Nine Inch Nails (mein Lieblingskünstler), die 1. eine perfekten, nicht kommerziellen Internetauftritt haben (s. www.nin.com) und zweitens ihre Alben teilweise kostenlos in´s Netz stellen, wenn man möchte kann man eine kleine Gebühr entrichten. Radiohead hat das auch schon so gemacht. Das ist für mich die Zukunft des Netzes mit der Musik.

Aber nicht so, Sony!!


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