Am Abgrund von Social Media

Jetzt ist es so weit: Ich komme in Gewissenskonflikte. Da bittet mich doch ein Kunde, ich möge auf seiner neuen Seite alle wichtigen Social Media Links berücksichtigen. Sollte ich das machen? Muss ich das machen? Braucht der Kunde es denn überhaupt, oder meint er nur, es zu brauchen, weil alle anderen meinen es zu brauchen

Meine Entscheidung: Ich nehme den Kunden ins Gebet und nenne das Zivilcourage. Irgendwie muss man ja ein bisschen Selbstachtung bewahren, wenn andere sich schon so gerne öffentlich blamieren.

Bevor mich hier aber irgendjemand enttarnt, gebe ich lieber freiwillig zu, dass auch ich bei wer-kennt-wen angemeldet bin. Allerdings bin ich schon sehr erstaunt, wie viele „Freunde“ ich auf einmal habe. Alle möglichen Leute, die ich irgendwann irgendwo schon einmal flüchtig kennengelernt habe, bezeichnen mich nun als Freund, auch wenn ich mich nur vage an sie erinnere. Hier scheint sich Quantität klar gegen Qualität durchzusetzen: Wer keine richtigen Freunde hat, muss umso mehr virtuelle Freunde in seinen Datenbanken gespeichert haben, um sein Selbstwertgefühl aufrecht zu halten.

Sorry, Ihr sogenannten Freunde, es kommt noch dicker: Egal, ob man bei Twitter, Facebook, wer-kennt-wenn oder sonst irgendwo reinschaut - überall wird man mit der Belanglosigkeit Eures Lebens konfrontiert. Über den sozialen Wert eines „Guten Morgen“ lässt sich ja noch streiten, doch glaubt Ihr ernsthaft, dass sich die Welt dafür interessiert, ob Ihr heute frische Socken angezogen habt oder dass Euer Auto wieder aus der Werkstatt zurück ist? Eure ganzen geklauten Zitate und Verse machen die Sache auch nicht interessanter.

Glaubt Ihr denn wirklich, dass Ihr so wichtig seid, dass sich irgendjemand ernsthaft dafür interessiert? Dass Prominente sich auf diese Weise prostituieren, kann ich ja irgendwie noch nachvollziehen, auch wenn ich bis heute nicht verstehe, was man an dem nichts aussagenden Klatsch findet. Doch Ihr seid noch nicht einmal prominent und daran ändert auch die vierstellige Zahl eure „Freunde“ nichts.

Meinem Kunden mit seiner Live-Musik-Bar hilft der ganze Social-Media-Hype jedenfalls nichts, denn an die tausend virtuellen Fans bei Facebook kann er kein Bier ausschenken. Seine Live-Bands sind auch nicht mehr wirklich live, wenn Ihr sie nur online als Stream anschaut und von Eurem Getwitter über seine Bar hat er geschäftlich betrachtet auch herzlich wenig.

Na gut, ich glaube, ich war jetzt schonungslos genug. Wenn morgen von meiner dreistelligen Zahl an Freunden bei wer-kennt-wen nur noch zehn übrig geblieben sind, bin ich euch noch nicht einmal böse. Denn diese Zahl dürfte wesentlich realistischer sein.

Von Tilman Pietzsch am 21. Juli 2010, 04:19 Uhr veröffentlicht | 65 mal gelesen
Zuletzt bearbeitet am 22. Juli 2010, 01:08 Uhr
Thema: Gekleckse

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