Über Fremde und Ausländer - eine kleine Sprachbetrachtung

Vor einigen Tagen, anlässlich der Nachrichten über die Verschärfung des Fremdenrechts in Österreich, fiel mir auf: In Deutschland sagt man Ausländerrecht, in Österreich hingegen Fremdenrecht.

Ich konnte gar nicht anders als mich in die subtilen Tiefen dieses Unterschieds zu begeben und grübelte nach – zunächst ohne Ergebnis. Aber es arbeitete in mir still weiter, es beunruhigte mich, warum ich keine zumindest mir einleuchtende Erklärung dafür finde.

Bis mir gestern einfiel: Halleluja! in beiden Ländern sagt man „Fremdenverkehr“! Wer also vorübergehend, besuchsweise in ein Land kommt, mit dem impliziten Versprechen, bald wieder nach Hause zu gehen, der ist eindeutig ein Fremder, für Deutsche wie Österreicher. Eine Stufe heimischer machen es sich Ausländer, die bleiben. Für die hat man in Deutschland das Ausländerrecht erfunden – und in Österreich das Fremdenrecht. Warum aber die einen Ausländer, die anderen Fremde?

Möglicherweise liegt die Erklärung in der politischen Geschichte Österreichs. In der Monarchie gab es viele Fremde, die dennoch keine Ausländer waren, weil sie in Ländern beheimatet waren, die Teile des alles umfassenden Vaterlandes namens Monarchie waren. Fremd waren sie zwar, aber keine Ausländer. Daher kommt wohl die Verbreitung von „Fremden“ statt „Ausländer“ in den entsprechenden Ausdrücken.




Und wenn Wörter sich für eine Weile derart ins Gehirn einnisten, dann entwickelt man eine vorübergehend gesteigerte Empfindlichkeit für sie und sieht sie überall. Etwa auch auf der Titelseite der kostenlosen U-Bahn-Zeitung, also dort, wo bekanntlich die wirklich aufregenden Neuigkeiten in gewohnt schnörkel- und sorglosem Ton vekündet werden. Dort las ich: „Im Sarg der Mutter lag ein Fremder!“ Meine kleine Obsession bezüglich Fremder und Ausländer gab mir die unanständige Frage ein: ist das besser oder schlechter, als ein Ausländer in Mutters Sarg?

Von Anna Fuhrmann am 23. Oktober 2009, 23:16 Uhr veröffentlicht | 292 mal gelesen
Thema: Text

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